Das Weinverkosten, keine exakte Wissenschaft, die auf vage Thesen und subjektive Wahrnehmung baut, braucht Referenzen wie der Beton den Stahl. Der Bordeaux Jahrgang 2010 wird wohl auf ewig dem Vergleich mit seinem Vorgänger, dem bereits legendären 2009er herhalten müssen.
Wen wundert‘s, wurde er doch bereits im Vorfeld von einigen Presseleuten und Produzenten hochgepriesen; und nach den so guten – und so teuren – 2009ern fällt es schwer, an weitere Superlative zu glauben. „Besser als 2009? das musst Du mir erst beweisen!“ – stand infolgedessen auf die Stirn der vielen erwartungsvollen Teilnehmer der diesjährigen Primeurs- Verkostungen im Bordelais geschrieben und jeder Smalltalk mit Geschäftspartnern, Kunden oder Mitbewerbern, den ich führte, endete in dieser Schlüsselfrage und daraus resultierend in der nächsten, noch heisser diskutierten: So teuer wie 2009?
Ja, wahrscheinlich schon, vielleicht manchmal noch teurer. „Der Wein ist exzellent, die Ernte klein, die Amerikaner sind zurück und wollen kaufen; auch die Chinesen wollen jetzt richtig anfangen en primeur zu kaufen…. Warum sollte man günstiger werden?“ raunen es einem die Negociants hinter vorgehaltener Hand zu. Die nahe Zukunft wird es zeigen, denn die Subskriptions-Kampagne hat bereits begonnen, und die ersten „kleineren“ Chateaux sind schon auf dem Markt.
KLIMATISCHE BEDINGUNGEN - DÜRRE IM SOMMER REDUZIERT UND KONZENTRIERT
Ein kühler Winter und Frühling endete in einem späten Austrieb, der erst nach den letzten Frösten stattgefunden hat und somit vorerst eine potentiell grosse Ernte erwarten liess. Kühles, regnerisches Wetter im Juni brachte aber Verrieselung mit sich und reduzierte die Ernte ein wenig. Der Sommer war überaus sonnig bei mässiger Hitze und kühlen Nächten. Einen besonderen Einfluss auf die die grosse Qualität und kleine Quantität des Jahrgangs hatte die sehr geringe Niederschlagsmenge während des Sommers und der Ernte, die zu einer noch höheren phenolischen Konzentration als im Jahr 2009 führte: kleine Beeren mit sehr viel Tannin und einen höheren Säuregehalt (-als 2009, pardon, man kommt einfach nicht daran vorbei) dank der durchschnittlich um fast ein Grad tieferen Temperaturen. Das sonnige, trockene Wetter dauerte über die gesamte Ernte an, und so konnte der Erntetermin fast frei gewählt werden.
MÉDOC ODER LIBOURNAIS?
2010 ist, und darin herrscht Einigkeit, eindeutig ein Cabernet Jahr, und deshalb gelangen mehr grosse Weine auf dem linken, Cabernet Sauvignon dominierten Gironde-Ufer. Bei allem Respekt vor den grossen Namen des “rive droite“ erlaube ich mir einzuräumen, dass es gerade im St. Emilion leider zu den meisten „missglückten“ Weinen gekommen ist. Der Merlot fiel oft zu fett aus, konnte nur auf den kühlsten, besten Terroirs seine Säure behalten.
Aber keine Regel ohne Ausnahme, natürlich erzeugte auch das St. Emilion hervorragende Weine. Besonders gefallen haben mir Fonbel, Moulin St. Georges, Chapelle d‘ Ausone und Ausone von Alain Vaulthier, sowie Angelus, Beusejour Becot und Cheval Blanc – um ein paar Namen zu nennen.
Sehr berührt bin ich ausserdem von unserem Besuch auf Tertre Roteboeuf – ein ganz anderes Bordeaux, dass ohne elegante Salons, mörderisch gut aussehende Empfangsdamen in High Heels etc auskommt. Man wähnt sich eher im Burgund als im St. Emilion, wenn Francois Mitjavile und Tochter einen durch Keller und Weinberge führen und in wundervoll chaotischer Manier ihre Weine mehreren verschiedenen Gruppen gleichzeitig ausschenken.
Und unabhängig von der Appelation, gab es sie auch dieses Jahr wieder, die ganz eindrücklichen „Primeurs Momente“, die einem eine Hühnerhaut bescheren und mir mehr denn je die Sicherheit geben, den schönsten Beruf der Welt zu haben. Meine Lieblinge des Jahrgangs 2010 sind vielschichtige, konzentrierte, eng gewobene Strukturweine, die in einigen Jahren durch hohe Dichte, einen satten, langen Spannungsbogen und eindrückliche aromatische Länge brillieren werden. Anders als die sehr barocken 2009er, die durch ihre pralle Frucht, ihren hedonistischen Stil gefallen, sind es die noblen Klassiker, die den Jahrgang 2010 ausmachen: zurückhaltende, aristokratische, aber nichtsdestotrotz sehr kräftige Weine, denen man den wuchtigen Alkoholgehalt niemals geben würde.
DIE EMANZIPIERTEN ZWEITWEINE
Seit ein paar Jahren gibt es eine Tendenz, die ich jetzt erstmals öffentlich ansprechen möchte: Einige Grands Cru Classés, vor allem die „super seconds“ werten ihre Zweitweine auf. Nachdem die Zweitfüllungen von Lafite, Latour und Margaux extrem teuer wurden, scheinen die Chateaux alles daran zu setzen, den Preisen auf dem sekundären Markt auch qualitativ Rechnung zu tragen. Das Niveau des Pavillon Rouge de Ch. Margaux, Carruades de Lafite und Petit Mouton war dieses Jahr so hoch wie noch nie! Auffällig ist, dass jetzt beispielsweise auch Chateau Leoville las Cases und Ducru Beaucaillou ihre Zweitweine nicht mehr als solche verstanden haben möchten. Auf Leoville Las Cases spricht man von zwei Grand vins: Leoville las Cases selbst und Clos du Marquis, der ein eigenes Terroir hat. Der neue, „wirkliche“ Zweitwein der beiden Grand Vins heisst Le Petit Lion und wurde mit dem Jahrgang 2008 lanciert. Auch der Croix de Beacauillou ist nicht mehr der Zweitwein von Ducru Beaucaillou, was Herr Bruno-Eugène Borie ausdrücklich jedem Besucher erklärt. Ein neuer Wein tritt in die Fusstapfen des Croix. Einem Preiswachstum der so entstandenen neuen „grands vins“ steht nichts im Wege - Trading up à la bordelaise.
MUST HAVE FÜR SAMMLER ODER INVESTITIONSWEIN?
Schwierig ist es, derzeit abzusehen wohin die Preise der 2010er wirklich gehen. Sicher ist, viel günstiger als 2009 dürfen sie nicht sein, denn es sind immer noch grosse Mengen der 2009er in den Chateaux-Reserven, und der Absatz dieser wäre in Zukunft schwierig, wenn die tollen 2010er zu günstig wären. Zu teuer können Sie auch nicht sein, denn dann würde sich das Interesse des Markts zu sehr auf andere Jahrgänge lenken und die Subs 2010 unattraktiv machen. Ich glaube, der Place Bordeaux steht vor einer schwierigen Aufgabe in der Vermarktung dieses Jahrgangs, und ich freue mich auf eine spannende Primeurkampagne. Nachstehend ein paar Degustationsnotizen einiger beeindruckender Weine. Insgesamt habe ich etwa 400 Weine gekostet, falls Sie an meiner Meinung zu einem speziellen Chateau interessiert sind, fragen Sie mich bitte direkt an.
Wichtige Chateaux, die ich nicht verkostet habe: Petrus, Hosanna, Trotanoy, La Fleur Petrus, Mission Haut Brion und Haut Brion.
CH. MARGAUX
sauber, klar, brilliant, definiert. Die Streberin aus der ersten Bank, die Klassenbeste, die immer aufstreckt, wenn der Lehrer eine Frage stellt . Immer gut frisiert und rausgeputzt. Eigentlich mochte ich solche Mädchen nie. Aber dieses muss man einfach anhimmeln und bewundern!
In der Nase duftig, elegant, sehr blumig, Cassis. Komplex und ansprechend. Am Gaumen perfekte Balance, poliertes, feinstes Tannin, kein bisschen konzentriert, natürlich und frisch, saftig, elegant und lang. Endlos lang. 98-100/100. Trinkreife 2018 bis 2060
CH. LATOUR
gemacht für 100 Jahre. Die Aromatik ist schwer zu erschliessen, der Wein ist derartig verschlossen, aber was ist Aroma bei einem Latour? Für mich ist es immer die perfekte Textur, die einen grossen Latour ausmacht. Allein die reicht locker für 100 Punkte aus! 100/100. Trinkreife 2030 bis 2080¬?
CH. PONTET CANET
jetzt kann ich den Hype um die jüngeren Abfüllungen dieses jetzt biodynamischen Weinguts auch nachvollziehen. Der 2010 Pontet Canet springt förmlich aus dem Glas. In Sachen Opulenz für mich an der Grenze, ist es die schiere Anmut der Nase, reifes Cassis, Waldbeeren, Kräuter, Blüten und die unglaubliche Länge am Gaumen die diesen Wein auszeichnen. Pure Wonne, ein Wein, in den man sich reinlegen möchte. 97-99/100. Trinkreife 2015 bis 2050
CH. DUCRU BEAUCAILLOU
ein extremer Wein, Bruno-Eugène Borie geht aufs Ganze. Um seine 2010er kommt man nicht herum, ob man den konzentrierten Stil nun mag oder nicht. Sicher der konzentrierteste und dichteste St. Julien. Ein Wein den man schneiden könnte. Dichte, gebündelte, satte Beerennase, Fülle und Wärme anzeigend. Am Gaumen erst sehr breit, dann in einen molligen, extrem cremigen Mittelteil übergehend. Massenhaft dicke, getränkte Frucht, Unmengen an Tannin, die Säure rückt in den Hintergrund. Langes Finale. 96-99/100. Trinkreife 2020 bis 2050
VIEUX CHATEAU CERTAN
Rosen, Veilchen, Kirsch, Myrtilles, auf dezente Weise viel Süsse ausstrahlend. Ein langer weicher Auftakt, der dann in einen dramatischen Mittelteil übergeht. Viel feingliedriges Tannin, ein voller Körper bei einem PH Wert von 3.3! Baut sich ganz langsam auf und bleibt ewig am Gaumen haften. 98-100/100. Trinkreife 2015 bis 2040
CH. EVANGILE
einer der erstaunlichsten Wein des Jahrgangs! Bei 14.7% Alkohol noch so frisch! Sehr rotbeerige, burgundische Nase, floral, parfumiert. Der Gaumen bestätigt zu 100% die Nase. Frisch, kein Bluffer, saftig, ein riesen Spannungsbogen, endlos. Ein ätherischer, tänzerischer Bilderbuch Pomerol. Pure Trinkfreude! 96-98/100. Trinkreife 2018 bis 2050
CH. AUSONE
blitzsaubere, Nase, reinstes Cassis, in Sirup getränkte Waldbeeren, etwas Hitze anzeigend. Am Gaumen erst ein langer breitschultriger Auftakt, der Mittelteil wird von Massen an feinstem Tannin bestimmt, wieder Schichten von Waldbeeren, getrocknete Wiesen-Blumen, Kräuter, Gebäck, eher niedrig in der Säure, trotzdem endlos lang. 96-98/100. Trinkreife 2020 bis 2060
CH. PICHON LONGUEVILLE COMTESSE DE LALANDE
das könnte ein weiterer Klassiker werden, ähnlich wie der 2009er besticht er durch die Kombination von Fülle mit feinstem Trinkfluss. Himbeeren, schwarzer Pfeffer , Kirsche und reifes „napa-like“ Cassis bestimmen die Nase. Mittellanger Auftakt, der in einen saftigen Mittelteil übergeht. Säure und Tannin in perfekter Balance. Klingt lange auf saftigen Beerennoten aus. Ein im horizontalen Vergleich eher schlanker Wein, sehr elegant und trinkfreudig. 96-99/100. Trinkreife 2018 bis 2040
